Montag, 20. Februar 2017

short storiy: Der Mann im Bett am Fenster



Fotolia © MoonKeeper
In einem Krankenhaus lagen zwei ältere Herren in einem Zimmer, die beide ernstlich krank waren und stramm liegen mussten. Der Herr im Bett am Fenster durfte sich jeden Nachmittag für eine Stunde aufzusetzen. Das war nötig, damit die Flüssigkeit, die sich in seiner Lunge sammelte, wieder abfließen konnte. 

Der Bettnachbar aber musste die ganze Zeit flach auf dem Rücken liegen und konnte sich nicht drehen. Die beiden unterhielten sich natürlich stundenlang. Sie sprachen von ihren Familien, ihrem Haus, von ihren Jobs und natürlich auch von Ihren Frauen. Sie berichteten vom Militärdienst und wo sie überall im Urlaub gewesen waren.

Nachmittags, wenn der ältere Mann im Bett am Fenster sich aufrecht
hinsetzte, beschrieb er seinem Zimmernachbarn natürlich all die Dinge, die er draußen vor dem Fenster sah. Grüne Wiesen und herrliche Bäume, Menschen, die durch einen Park gingen und fröhlich waren, Kinder, die spielten, Kleidung in den buntesten Farben. Und natürlich das Wetter in jedem Detail. Er beschrieb die Silhouette der Landschaft und auch die Häuser, die er sah.


Der alte Mann im anderen Bett begann in diesen Stunden aufzuleben. Sein Gesicht zeigte Freude, seine Welt wurde wieder größer als das Krankenzimmer und die Farben der Welt belebten seine kleine kranke Welt. Für einen Augenblick erstrahlten seine Augen wieder in ihrem gewohnten Glanz.

Der Mann am Fenster konnte in der stillen Stunde am Nachmittag den ganzen, großen Park mit einem kleinen See einsehen. Am Seeufer watschelten die Enten. Schwäne gruppierten sich nahe am Ufer und beschützten ihre Jungen. Mehrere Jungs ließen ihre kleinen, schnellen Modellboote übers Wasser sausen. Verliebte bummelten Arm in Arm an der Uferpromenade entlang und küssten sich sanft.

Der Mann am Fenster erzählte von bunten Blumen und der schönsten Aussicht, die er jemals gesehen hatte. Am Horizont konnte er sogar die Silhouette der Stadt erkennen und beschrieben die Farben und Formen der Häuser.
Wenn der Mann im Bett am Fenster mit vielen kleinen Details beschrieb was er sah, schloss der Mann im anderen Bett die Augen und ließ vor seinem inneren Augen eine neue, eine andere – viel bessere – Welt entstehen.


So vergingen Tage, Wochen und ein paar Monate. Eines Morgens kam die Tagschwester herein und fand den leblosen Körper des Herrn am Fenster. Friedlich war er im Schlaf verstorben. Sie und der Mann im anderen Bett waren sehr traurig. Die Ärzte kamen und der Leichnam wurde weggebracht.

Die Schwester blieb noch einen Augenblick, um sich wieder zu sammeln. Da fragte der andere Herr, ob er vielleicht den Fensterplatz haben dürfe. Er könne sich ja langsam ein kleines bisschen bewegen und wollte so gern die schöne Aussicht bewundern.

Die Schwester stimmte den Tausch zu, arrangierte alles und ließ ihn dann
allein. Langsam und unter Schmerzen stützte er sich auf die Ellenbogen und wollte die tolle Aussicht genießen. Aber alles was er sah, war eine leere, weiße Wand.


Der alte Mann legte sich wieder hin und fragte später die Schwester, was seinen verstorbenen Zimmernachbarn dazu veranlasst hatte, ihm so wundervolle Dinge zu erzählen, wo diese doch offensichtlich gar nicht da waren.

Die Schwester lächelte und ihr lief eine Träne über das Gesicht. Dann sagte sie: „Ihr Nachbar war blind, haben Sie das nicht gewusst? Ich denke, er wollte sie aufmuntern und sich selbst seine letzten Tage versüßen.“

© Gudrun Anders, www.gudrun-anders.de
 

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